Doctor Who : Twice Upon a Time (Christmas Special 2017)

Genossen habe ich diese Episode in einer sehr schön in Szene gesetzten Vorstellung auf der großen Leinwand im Wiener Haydn Kino am 25.12.2017. Ob diese Weihnachtsfolge ein würdiger Rahmen für den Abschied von Peter Capaldis 12. Doctor war, möchte ich in diesem Review etwas näher beleuchten.

Doctor: Oh, there it is. Silly old Universe. The more I save it, the more it needs saving. It’s a treadmill.

(Vorsicht Spoiler!)

Genrewechsel auf die große Leinwand

Da ich Twice Upon a Time in der kinooptimierten Fassung, inkl. BBC Teaser davor und ca. halbstündigem Making Of danach, erleben durfte, fällt es mir zugegebener Weise nicht leicht den Eindruck den ich von der TV Folge gewonnen habe von dem doch sehr speziellen Drumherum zu trennen in dem diese Sichtung stattfand.

Dass vor Beginn der eigentlichen Episode Doctor Who keinerlei Werbung oder Trailer für sonstige gerade anlaufende Kinofilme gezeigt wurde, empfand ich besonders angenehm. Dafür konnte sich das Publikum mithilfe eines ca 15minütigen Teasers aka Zusammenfassung der wichtigsten Stationen im „Leben“ des 12. Doctors (Peter Capaldi) und jenen im bewegten Showrunner-Dasein des Drehbuchautors/Produzenten Steven Moffat schon mal auf den Showdown der beiden ausscheidenden Künstler aus dem Whoniversum vorbereiten.

Da ich das Special nicht auch gleichzeitig in der BBC TV-Ausstrahlung verfolgen konnte, weiß ich nicht ob es da auch mit dem betreffenden Einstimmungsmaterial losging. Böse Zungen mögen es gekonnte emotionale Manipulation nennen. Funktioniert hat es mit der Einstimmung, vor allem in der Atmosphäre eines mit Doctor Who Fans gefüllten Kinosaals, natürlich ausgesprochen gut. Und natürlich wirkte alles was danach kam auf die Anwesenden aufgrund des gemeinsamen Fanerlebnisses noch viel epischer und „wichtiger“ als man/frau es wahrscheinlich alleine in den eigenen 4 Wänden mit einer Tasse Weihnachtstee in der Hand über Online Streaming erlebt hätte.

Was mich am Rande sehr positiv verwunderte war, dass es in Wien offenbar viel mehr Whovians zu geben scheint als ich bisher den Eindruck hatte. Das Weihnachtsspecial lief, soweit ich weiß nur im Haydn Kino und UCI Millennium City. Das Haydn Kino, großer Saal A, war zumindest bis auf wenige Sitze ausverkauft.

Handlungsrahmen

Die Weihnachtsfolge 2017 beginnt ziemlich genau da wo die letzte Folge der 10. Staffel aufgehört hatte. Peter Capaldis physisch angeschlagener und emotional gebeutelter, sowie mittlerweile lebensüberdrüssiger 12. Doctor trifft am mit CGI Schnee und Fake Eis bedeckten Südpol der Erde auf den von David Bradley dargestellten allerersten Doctor der 1960er Jahre, der ebenfalls ziemlich beschädigt aus seinem letzten Abenteuer (dem Serial The Tenth Planet , 1966) herübertaumelt.

Dass beide Doktoren am Ende ihres Lebenszyklus stehen und ganz und gar nicht davon überzeugt sind, dass die Regeneration in eine neue, vollkommen ungewisse Version ihrer selbst eine gute Idee ist, dient hierbei als durchaus vielversprechender Aufhänger für eine Auseinandersetzung mit dem Problem aus verschiedenen Blickwinkeln.

Gemeinsam sehen die beiden Inkarnationen des Timelords sich einer mysteriösen Alienart gegenüber, welche sterbende Menschen im genauen Zeitpunkt ihres Ablebens aufsucht, deren Erinnerungen extrahiert und sie anschließend wieder genau an Zeitpunkt und Ort ihres Todes zurück bringt.

Im Verlauf der Handlung treffen sie sowohl auf einen fälschlicherweise nicht korrekt zurück gebrachten Soldaten aus dem 1. Weltkrieg (verkörpert von Drehbuchautor / Schauspieler Mark Gatiss) als auch auf die Erinnerungskopieversion der ebenfalls bereits verstorbenen Bill Potts (Pearl Mackie) sowie auf Rusty, den durchgeknallten Dalek aus einer der ersten Capaldi Episoden (Staffel 8 Ep 2 Into the Dalek), der alle anderen  Daleks hasst, diese vernichten will und dem 12. Doctor sogar Einblick in die Dalek Hive Mind (= größte Datenbank des Universums ) gewährt.

Am Ende bekommen wir sogar noch einen Kurzauftritt von Clara (Jenna Coleman), die sich als Erinnerungskopieversion ihrer selbst vom Doctor verabschieden darf und ihm netterweise (bzw. seltsamer- / unnötigerweise) auch seine Erinnerung an die gemeinsam mit ihr verbrachten Abenteuer zurück gibt.

Die ganze Handlung macht mal mehr und mal weniger Sinn, was allerdings auch fast schon egal ist, weil das Ziel der Reise diesmal auch nicht die Auflösung besonders einfallsreicher Plot Twists oder genial verwinkelter Kontunuitätsverwicklungen ist. Der Handlungsrahmen ist nur der Aufhänger für Capaldis Abschied von der großen, weiten Doctor Who Welt, sowie für einen augenzwinkernden Schlagabtausch zwischen dem 1. und dem 12. Doctor, welche sich zwar optisch ähneln aber dennoch aus zwei vollkommenen verschiedenen sozialhistorischen Zeitepochen stammen.

1st Doctor: You are me?

12th Doctor: Yes, I’m very much afraid so.

1st Doctor: Do I become you?

12th Doctor: Well, there’s a few false starts, but you’ll get there in the end…

Pro

Peter Capaldi läuft in seiner Abschiedsfolge als 12. Doctor zur absoluten Höchstform auf und führt uns Zusehern noch einmal gekonnt vor Augen wie sehr er uns mit seiner schrägen, sarkastischen, unkonventionell schrulligen Art in den letzten 3 Staffeln zunehmend ans Herz gewachsen ist.

Natürlich wird er uns nochmal so richtig sympathisch gemacht, damit wir auch ja auf den Tränendrüsendrücker am Ende anspringen, in dem er sich gefühlte 15min. lang theatralisch von uns verabschiedet was das kitschige Zeug hält. Und ich muss sagen dieser Kunstgriff funktionierte bei mir auch ganz hervorragend.

Vor allem die elendslange finale Abschiedsrede in der Tardis, kurz vor der eigentlichen Regeneratissequenz, als der 12. Doctor seiner nächsten Inkarnation noch ein paar Tipps auf den Weg geben möchte, trieft nur so von Pathos, der aber zumindest sehr berührend und mitreißend vorgetragen ist:

I suppose one more lifetime won’t kill anyone. Well, except me.

You wait a moment, Doctor. Let’s get it right. I‘ve got a few things to say to you. Basic stuff first:

Never be cruel, nor cowardly. And never ever eat pears!

Remember: Hate is always foolish and love is always wise.

Always try to be nice and never fail to be kind.

Oh, and you mustn’t tell anyone your name.

Diese Liste klingt für mich gleichzeitig logisch aber auch seltsam. Der 12. Doctor zählt einige Merkmale auf, welche durchaus auf den Doctor als 50 Jahre Fernsehgeschichte überdauerndes Konstrukt zutreffen, jedoch nicht so ganz hundertprozentig auf seine zu diesem Zeitpunkt gerade noch amtierende Version. Der 12. Doctor war in seinen Anfängen alles andere als stets freundlich zu seinen Mitreisenden. Und auch mit dem Mitgefühl tat er sich eine Zeit lang wirklich schwer.

Andererseits wirkt er, als er an diesem Punkt seiner Rede angekommen ist, auch schon ziemlich benommen, da er ja eigentlich schon mitten drin in seiner Auflösungsphase ist und es kann sein, dass Drehbuchautor Steven Moffat den sterbenden 12. Doctor quasi im Delirium auf einer Metaebene über sich selbst und alle vorhergehenden bzw. auch noch kommenden Inkarnationen sinnieren lassen wollte. Schließlich ist Twice Upon a Time ja auch gleichzeitig Moffats Abschiedsfolge.

Den Zwischenteil der Ansprache, mit dem Verweis darauf, dass nur Kinder eventuell, wenn die Sterne gut stehen, den Namen des Doctors erkennen können, spare ich mir hier zu kommentieren, weil ich das lieber aufgrund der Hirnrissigkeit des Konzeptes aus meinem Gedächtnis streichen möchte. Das Ende der Rede ist dann aber wieder sehr schön gelungen:

Laugh hard, run fast, be kind.

Doctor …. I let you go ….

Wobei hier fast noch deutlicher Moffats eigener Showrunner-Abschied herauszuhören ist.

Ob ich das Ganze außerhalb der Weihnachtsfeiertage, an denen ich normalerweise eh schon mit soviel Kitsch zugedröhnt bin, dass ich ein Schäufelchen zuviel auch noch mit fröhlicher Miene ertragen kann, noch immer so herzerwärmend tragisch finden werde, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt. Vielleicht sollte ich eine zweite Sichtung mitten im Hochsommer durchführen und anschließend herausfiltern was davon auch dann noch wirkt und was nicht.

Contra

Wie schon angedeutet, war die Story an sich wirklich ziemlich dünn und hatte auch eine dementsprechend unspektakuläre Auflösung. Fairerweise findet sich in einem der Dialoge aber sogar eine direkte Bezugnahme darauf durch den Doctor selbst, als er heraus findet, dass die mysteriöse Alienrasse mit ihren Taten nicht einmal, wie sonst im Doctor Who Universum üblich,  einen bösen Plan verfolgt:

That means there is no evil plan. But I don‘ t know what to do if there isn’t even an evil plan ….

Ein weiterer, im Fandom mittlerweile höchst umstritten diskutierter, Kritipunkt ist die Charakterisierung des 1. Doctors in dieser Folge. Und zwar nicht in erster Linie seine Darstellung durch den Schauspieler David Bradley, der quasi als Ersatz für den bereits in den späten 1960ern verstorbenen William Hartnell einspringt. Die eigentliche Problematik ergibt sich viel mehr durch einige vordergründig humorvolle aber doch umstritten formulierte Dialogelemente bzw. Aussagen die dem 1. Doctor in den Mund gelegt werden.

Ich persönlich kenne die Ära des 1. Doctors nicht besonders gut. Da ich  bisher nur ein Serial mit ihm vollständig angesehen habe (The Web Planet aus 1965 – die Geschichte mit den Zarbi Riesenameisen), habe ich selbst keinerlei Emotionen im Spiel wenn er zwischen den Zeilen so richtig typisch alter Mann der 1960er, also  patriarchalisch und alltagssexistisch dargestellt wird.

Ehrlich gesagt habe ich selbst mir bisher keine weiteren Folgen als den ersten Teil des allerersten Serials An Unearthly Child und eben die erwähnte Zarbi Story angesehen, weil mir der Charaktertyp alter, schrulliger Mann, der grantelnd herumrennt und in schulmeisterlichem Tonfall Handlungsanweisungen an seine Enkeltochter Susan und die gemeinsamen Mitreisenden erteilt, leider so richtig überhaupt nicht zusagt.

Ich kann andererseits aber auch verstehen, dass einige Fans ziemlich beleidigt darauf reagieren, dass dem sich für seine 1960er Jahre Zeitgenossen durchaus „normal“ benehmenden „Kavalier der alten Schule“ nun auch ganz eindeutig ausgesprochene Sexismen in den Mund gelegt werden, wie etwa die Bemerkung, dass der 12. Doctor wohl schon länger keinen weiblichen Companion mehr dabei hatte, welche die Tardis putzen könne und das offenbar der Grund dafür sei, dass es hier so staubig aussehe. Schließlich hat der 1. Doctor solche oder ähnliche Aussagen nie wortwörtlich getätigt, sondern sie wurden, wenn überhaupt, zwischen den Zeilen angedeutet oder schwangen unterschwellig in seinem herablassenden Tonfall mit.

Dass sowohl Alltagsrassismus als auch Sexismus / Chauvinismus in den 1960ern noch viel krasser und selbstverständlicher waren als wir es heute im 21. Jahrhundert gewohnt sind, ist unumstritten. Wenn man die dem 1. Doctor in Twice Upon a Time zugeschriebenen Aussagen als reinen Kommentar zur Entwicklungsgeschichte einer ikonischen Heldenfiguren im Kontext der jeweiligen historischen  Epoche sieht, kann man Drehbuchautor Moffat durchaus verzeihen, dass er mit einzelnen Dialogbausteinen, die als Zeitkritik an den sozialhistorischen Gegebenheiten der 1960er Jahre verstanden werden möchten, wohl etwas über das Ziel hinaus geschossen ist.

Gleichzeitig finde ich es aber nicht gut, dass damit wiedermal einigen VergangenheitsverklärerInnen Tür und Tor geöffnet wird, welche sich nun noch mehr darüber beschweren können, wie grausam eine klassische Heldenfigur von bösen modernen Pseudobesserwissern durch den Kakau gezogen werde.

Obwohl ich persönlich also sehr gut damit leben kann wie der 1. Doctor in diesem Weihnachtsspecial 2017 dargestellt wird, habe ich durchaus meine Zweifel daran ob das global gesehen wirklich eine gute Idee von Moffat war. Vielleicht ist es ja auch sein finales F*** You an jene Fangruppe des 1. Doctors, für die es nichts schlimmeres gibt als die klassischen Serials und ihre Darstellung des allerersten, einzig wahren Doctors zu verunglimpfen. Da er ja in Zukunft nicht mehr Teil der New Who Produktionscrew sein wird, kann Herrn Moffat das Herumgeschimpfe im Anschluss nun ja auch wirklich herzlichst egal sein.

Fazit

Den wortwörtlichen Cliffhanger mit der 13. Doktorin (Jodie Whittacker) ganz am Ende fand ich ebenfalls sehr gelungen und habe dadurch wirklich Lust bekommen auch weiterhin gespannt auf die erste richtige Folge mit ihr in der Hauptrolle zu warten, zu diskutieren und zu spekulieren was das Zeug hält.

In sofern hat Twice Upon a Time als Weihnachtsspecial 2017 also alle meine Erwartungen auch erfüllt. Ich sehe es als durchaus würdigen Abschluss der Ära Capaldi Doctor sowie der Ära Steven Moffat als Showrunner an und vergebe daher wunderbar kitschige 4 von 5 Krokis, die sich noch schnell eine Krokodilsträne rausdrücken bevor sie anfangen zu leuchten und in Kroki Nr. 5 zu regenerieren.

cropped-kroki.jpg  cropped-kroki.jpg  cropped-kroki.jpg  cropped-kroki.jpg    4 / 5

Wie hat euch das Doctor Who Weihnachtsspecial gefallen ? Top oder Flop ?

Eure Infos, Fragen und Antworten könnt Ihr wie immer in den Kommentaren posten.

Über Rückmeldung freue ich mich immer !

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Gedanken zu „Doctor Who : Twice Upon a Time (Christmas Special 2017)

  1. Sehr schade, dass ich das Special nur auf meinem Bildschirm gucken konnte. Aber in der niedersächsischen Provinz geht es leider nicht anders. Aber so konnte ich immerhin direkt im Anschluss meinen Text zu „Papier“ bringen. 😉 Schön geschrieben, im Prinzip stimme ich dir überall zu.

    Gefällt 1 Person

    1. Es hat nicht viele Vorteile in einer Großstadt Weihnachten zu feiern, aber die Nähe zur Kinomeile ist definitiv einer.
      War denn im TV auch ein Einstimmungs – Teaser Trailer davor oder irgendeine Einspielung danach? Ich nehme an, dass die Kinos die Laufzeit mit dem Nebenprogramm auf 2h verlängern wollten, damit die Besucher nicht das Gefühl haben für eine einstündige TV-Folge so viel zu bezahlen wie sonst für einen zweistündigen Kinofilm 😉
      Deinen Artikel habe ich auch schon gelesen. Schön, dass Doctor Who dir am Ende deines „Marathons“ noch immer gefällt. Alle Staffeln New Who in so kurzer Zeit zu sehen ist schon sportlich !

      Gefällt 1 Person

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