Jessica Jones : Staffel 1 – wie frau durch Konfrontation mit einem Psychopathen unabsichtlich zur Heldin werden kann

Jessica ! …. Come back here, Jessica ! … Now !

(Vorsicht Spoiler)

Da in der nahen Zukunft mit The Defenders eine weitere Serie auf den Markt kommen wird, in die der Charakter Jessica Jones inkludiert ist, hier meine Nachgedanken zur 13-teiligen ersten Staffel der Solo-Serie über die depressive, unfreiwillig heroische Antiheldin.

Ja, ich bin mit meinem Review in der Tat ziemlich spät dran, aber besser spät als nie. Zugegeben, ich musste erstmal die Zeit dazu freischaufeln mir diese Marvel- Serie auf Netflix anzusehen, es hat sich aber mehr als gelohnt, da ich bis auf eine Folge (die vorletzte) sehr begeistert war und alles innerhalb einer Woche nachholte. Da es bereits sehr viele Folge-für-Folge Reviews im Netz zu lesen gibt, beschränke ich mich auf eine kurze Gesamtbetrachtung.

Handlungsbogen

Jessica Jones (Krysten Ritter) ist eine mehr oder weniger heruntergekommene, depressive Privatdetektivin, die vor Ausübung dieser Profession von einem Mann names Kevin Thompson a.k.a. Kilgrave (David Tennant) entführt worden war und ganze 6 Monate unter dessen Einfluss gestanden hatte. Zum Glück beschränkt sich die Verbindung zum restlichen Marvel-Universum darauf, dass einige wenige Figuren in der Serie Superkräfte besitzen. So ist Jessica selbst superstark und kann sowohl schwere Objekte heben und werfen als auch äußerst harte Faustschläge verteilen und Kettenschlösser mit einem Handhieb knacken.

Ihr Erzfeind Kilgrave hat telepathische Kräfte, die er für allerhand gemeine Aktionen zu seinen Gunsten und zum großen Nachteil aller anderen involvierten Personen auslebt, indem er die meisten Opfer dazu bringt sich selbst zu töten, nachdem sie alles getan haben was Kilgrave benötigt und dieser keine Verwendung mehr für sie hat.

Zwischen Jessicas Martyrium in der Hand von Kilgrave und dem Serienstart sind offenbar ein paar Jahre vergangen. Als sich herausstellt dass Hope Slothman (Erin Moriarty), die Tochter eines Mandanten, unter Kilgraves Einfluss ihre Eltern umbringt und dafür ins Gefängnis gesteckt wird, wird Jessica unabsichtlich wieder in die Geschehnisse hineingezogen und beschließt nach einiger Überlegung schließlich nicht locker zu lassen bevor Kilgrave nicht entweder tot oder irgendwo für den Rest seines Lebens sicher verwahrt ist.

Auf Jessicas Seite befindet sich, neben dem mit unverletzbarer Haut ausgestatteten Luke Cage (Mike Colter), auch ihre Adoptivschwester – die Journalistin Patricia „Trish“ Walker (Rachael Taylor),die Anwältin Jeri Hogarth (Carrie-Ann Moss), sowie einige ehemalige Opfer Kilgraves, z.B. der Polizist Will Simpson (Will Traval) und Jessicas Nachbar Malcolm Ducasse (Eka Darville), welche alle die gleiche Motivation haben: Kilgrave für seine Taten zur Rechenschaft zu ziehen bzw. ihn für immer von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

Pro

Der größte Vorteil der Serie ist, dass die Verbindung zum restlichem Marvel-Universum, wie oben schon erwähnt, nur lose vorhanden ist und die Handlung unabhängig von anderen Filmen und TV-Serien wie Avengers, Daredevil, Flash, X-Men usw. abläuft, obwohl es an manchen Stellen kleinere und auch größere Hinweise auf die Existenz der anderen Superhelden gibt. Figuren wie Luke Cage und Will Simpson gehören zwar auch zum bestehenden Marvel-Universum, sind aber der breiten, nicht-comiclesenden Öffentlichkeit bei weitem nicht so bekannt und filmtechnisch ausgeschlachtet wie oben gennante andere Personengruppen.

Ein weiteres großes Plus ist die durchgängig von dunkler Farbgebung und Schatteneffekten, sowie von der Charakterdarstellung durch die Hauptdarsteller getragene düstere Grundstimmung, die sich meiner Meinung nach ebenfalls sehr erfreulich von der knallbunten Welt anderer Marvelverfilmungen abhebt. Auch tragen die Figuren mit Superkräften keine Kostüme, sind nicht absichtlich als Retter der Welt unterwegs, haben dieselben Probleme wie alle anderen Menschen in einer Großstadt und sind auf den ersten Blick nicht von normalen Leuten wie dir und mir zu unterscheiden.

Was mir außerdem sehr gut gefällt, ist die Tatsache dass keine der Hauptfiguren absichtlich gut oder böse zu sein scheint und wir sehr viele psychologische Details über sei erfahren, welche ein komplexes Bild ihrer Persönlichkeiten zeichnen und klarstellen, dass im Grunde genommen jeder eine gute und eine böse Seite besitzt und jede Figur ständig innerhalb der Grauzonen des Lebens agiert. Am Ende kommt es nur darauf an  wie die jeweiligen Kräfte – ob nun wirkliche Superkräfte wie bei Kilgrave, Jessica und Luke oder die Einmischung durch normale Menschen wie Trish, Malcolm und Hogarth – genutzt werden, um eine Aussage zu treffen ob die Effekte auf ihre Umwelt gut oder schlecht sind.

Die psychologischen Einsichten, welche wir über die Interaktion der Figuren gewinnen, sind ebenfalls ein Alleinstellungsmerkmal der Serie gegenüber anderen Marvel-Kreationen. Vor allem Jessicas eigener Kampf mit ihren Schuldgefühlen, die aus der Zeit rühren als sie unter dem Einfluss Kilgraves gestanden und einige Morde in seinem Auftrag erledigt hatte. Auch ihre komplizierten Gefühle zwischen Wut, Rache und Verletzbarkeit Kilgrave gegenüber werden, vor allem in der Mitte der Staffel (Episoden 7-10), sehr eindrucksvoll geschildert, als sie kurzzeitig bei ihm einzieht und er versucht ihr Vertrauen zu gewinnen, um danach dann doch von ihr in einer Folterzelle einsperrt zu werden, um ein Geständnis aus ihm rauszupressen, welches für Hopes Freilassung aus dem Gefängnis benötigt wird.

Für ein paar Momente hatte ich hier schon Angst, dass Kilgrave glimpflich davon kommen könnte und die Geschichte in eine Art Buße für vergangene Taten umgewandelt werden würde. Zum Glück geschieht das nicht und er bekommt ganz am Ende doch noch das was er verdient, obwohl er einem zwischendurch schon fast leid tun hätte können.

Die Figuren Luke Cage, Trish Walker und Jeri Hogarth sind für mich ebenfalls ein guter Grund die Serie zu loben, da beide erheblich zur Vorantreibung der Handlung als auch zur Auflösung am Ende beitragen. Ihre Motivation wird ebenfalls sehr gut durchleuchtet.

Wir erfahren dass Trish Walker in ihrer Jugend Mißbrauchserfahrung mit ihrer Mutter (Rebecca De Mornay) machen musste und sie daher ein sehr starkes Band mit Jessica verbindet, welche nach dem Unfalltod ihrer eigenen Familie in der Familie Walker lebte und Trish gegen ihre Mutter verteidigte. Trish hat keine Superkräfte, ist aber davon getrieben mindestens genauso tough und mutig sein zu müssen wie ihre Freundin, um sich von ihrer traurigen Vergangenheit zu distanzieren.

Luke Cage wiederum musste selbst keine Mißbrauchserfahrung machen, hat aber unter dem Tod seiner Ehefrau zu leiden, welcher von der damals noch unter Kilgraves Einfluß stehenden Jessica herbeigeführt worden war. Die beiden werden trotzdem zu einem glaubhaften Paar, welches durchaus auch die Schattenseiten ihrer Beziehung erkennt und auch in Zukunft wohl keineswegs eitle Wonne und Sonnenschein erwarten dürfte.

Die aus den Matrix-Kinofilmen bekannte Carrie-Ann Moss als toughe, ebenfalls zwielichtige Anwältin Jeri Hogarth, ist ebenfalls sehr wichtig für die Handlung und die Dynamik zwischen den Hauptfiguren, als auch für das Aufzeigen von Jessicas Motivation und Problemen mit der Welt in der sie lebt. Spätestens als Jeri selbst Opfer von Kilgraves Kräften wird, welche sie vorher für sich zu nutzen gedachte, wird aus ihr eine mehrdimensionale Figur, welche keineswegs nur einseitig als typische Anwaltsbitch agiert, sondern sich am Ende eingestehen muss, dass auch sie nicht immer die Oberhand über ihr eigenes Leben und das ihrer Mitmenschen haben kann.

Contra

Die einzige Folge mit der ich von Anfang bis Ende nicht zufrieden war, ist die 12. (vorletzte Folge), welche anscheinend als reiner Füller zwischen der bereits sehr intensiven Konfrontation zwischen Kilgrave und seinen Gegnern  in den vorangegangenen Folgen und dem Staffelfinale konzipiert wurde. Diese Füllerfunktion sieht und spürt man leider sehr stark, so dass der Cooldown vor dem Showdown diesen für mich fast störend beeinflusste und ich mich auf das Finale wohl noch mehr gefreut hätte, wäre davor nicht die unnötige 12. Folge gewesen. In dieser Episode funktioniert nichts, außer dass Luke Cage am Ende von Jessica über den Haufen geschossen werden muss, weil er unter Kilgraves Einfluss steht und Jessica töten soll. Hätte man diese 10 Minuten in die 11. Oder 13. Folge dazu gepackt, wäre es wohl um einiges kongruenter und spannender rübergekommen.

Da die erste Staffel mit der finalen Konfrontation zwischen Jessica und Kilgrave endet und der Ausgang sehr endgültig aussieht (kein Spoiler an dieser Stelle, nur ein Hinweis), frage ich mich womit die Spannung für eine schon beschlossene zweite Staffel erhalten bzw. neu aufgebaut werden könnte. Ich hoffe, dass am Ende nicht doch eine größere Menge an Aufeinandertreffen mit anderen Marvelfiguren herhalten muss, um die Serie spannend zu halten. Ich mag Zusammenschlüsse von Superhelden a la Avengers nicht und würde daher voraussichtlich weit weniger Gefallen an einer Serienfortsetzung finden.

Selbiges gilt für mich auch für die neue Serie The Defenders, in der Jessica Jones neben Luke Cage, Daredevil, Elektra und anderen Superhelden zu sehen sein wird. Ich habe da meine Bedenken und bin nicht gerade voller Vorfreude. Über ungelegte Eier soll man aber nicht brüten, also verschiebe ich die Analyse dieser Serie lieber auf einen unbestimmten Zeitpunkt nach ihres Erscheinens.

Fazit

Ich kann Jessica Jones allen empfehlen, die auf düstere, psychologisch intensive Geschichten stehen, in denen es keine wirklich guten oder schlechten Figuren gibt, sondern jeder in seiner eigenen Grauzone operiert. Die Tatsache, dass Jessica durch die Interaktion mit anderen psychisch labilen Personen und einem waschechten Psychopathen zur unabsichtlichen Heldin wird, die sie selbst nie sein wollte, ist für mich der Kernpunkt für die Indentifikation des Zusehers mit dieser vielschichtigen Figur, die sich herrlich pessimistisch und mit viel schwarzem Humor von den üblichen weiblichen Comicfiguren a la Wonder Woman oder so ziemlich jeder weibliche Rolle in X-Men abhebt.

Ich gebe Jessica Jones daher 5 von 5 Krokis, welche immun gegenüber Kilgraves telepathischen Kräften sind und diese Entscheidung in vollstem Bewußtsein und vollster Selbstbestimmung treffen.

cropped-kroki.jpg  cropped-kroki.jpg cropped-kroki.jpg  cropped-kroki.jpg  cropped-kroki.jpg     5 / 5

Kennt ihr die Serie und wie hat sie euch gefallen ?

Eure Wahrnehmungen, Fragen und Antworten könnt ihr wie immer in den Kommentaren posten.

Über Rückmeldung freue ich mich immer !

1 Kommentar

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