Elisabeth (Musical 1992) – Alle tanzten mit dem Tod

Willkommen zur 3. Station meiner kleinen Zeitreise in die Welt des mit Abstand erfolgreichsten österreichischen Musicals Elisabeth aus der Feder von Michael Kunze (Texte) und Sylvester Levay (Musik) 1992.

Nicht ganz unabsichtlich erscheint dieser Text genau heute, am 10. September 2019, dem 121. Jahrestag der Ermordung der Kaiserin Elisabeth durch den Anarchisten Luigi Lucheni. Gewidmet ist er den 2 grundlegenden Motiven des Musicals: der „versunkenen Welt“ und dem „Tanz mit dem Tod“.

Was mir an dem Musical von Anfang an gefiel war die Idee die Geschichte weder als kitschige Beschönigung realer Lebensumstände noch als tragisch-trauriges Dokudrama zu präsentieren. Statt dessen wurden die historischen, politischen und psychologischen Hintergründe in einer Weise in die Handlung eingeflochten, die wie ein surrealer Spiegel der Realität oder ein mystischer Traum wirkte.

Das wirklich tolle daran ist, dass die traumartige Widerspiegelung auch bei meiner allerersten,  reinen Hörerfahrung durch das Zusammenspiel von Musik und Liedertexten so beeindruckend transportiert wurde, dass ich mich vor dem Radio in eine ähnliche Stimmung versetzt fühlte wie später beim Besuch der Theatervorstellung.

Die versunkene Welt

Das Stück beginnt mit der Stimme des Richters aus dem Off. Der Attentäter Lucheni steht zunächst alleine auf der dunklen Bühne. Er wird gefragt warum er die Kaiserin Elisabeth ermordet habe. Er gibt an es getan zu haben „weil sie es wollte“. Als Zeugen für seine Theorie ruft er ihre Zeitgenossen auf, die alle auch im Tod nicht zu Ruhe kommen.

Es folgt die erste Ensemble Gesangsnummer „Alle tanzten mit dem Tod“. Diese etabliert das im Prolog angedeutete Setting so plastisch, dass die versunkene Habsburgerwelt beim Anhören vor dem geistigen Auge genau so aus der Versenkung emporsteigt wie am Beginn der Vorstellung aus der Unterbühne des Theaters an der Wien.

Die folgenden Textauszüg stammen aus dem Libretto (Textbuch) 1992, erschienen im Verlag Edition Butterfly :

 

Alle:

Versunken ist die alte Welt,

verfault das Fleisch, verblasst der Glanz.

Und wo sich Geist zu Geist gesellt,

da tanzt man noch den Totentanz.

Lust, Leid, Wahnsinn der uns treibt.

Not, Neid, Pflicht die uns erdrückt.

Traum, Tran, alles was uns bleibt.

Wunsch, Wahn, der die Welt verrückt.

 

Wir befinden uns also in einer Art Zwischenwelt, in der die Geister aller Protagonisten uns Szenen aus ihrem längst verblassten Leben vorspielen. Wie aus ihren Worten abzulesen ist, wird es nicht um den üblichen Sissi-Kitsch gehen, sondern um die etwas dunkleren Seiten.

Als nächstes folgen ein paar Grundinformationen darüber wie die Familienmitglieder der Wittelsbacher (Bayern) und der Habsburger (Österreich) mit dem Schicksal von Elisabeth in Verbindung stehen. Dabei erhalten wir viele Hinweise auf deren Charakterentwicklung sowie auf die Entwicklung von Elisabeth selbst.

Mutter Ludovika, Vater Max und Stiefmutter Sophie meinten es gut mit ihr. Sie dachten Elisabeth habe es im Leben sehr gut getroffen. Gleich darauf gestehen sie ein, dass es nicht so war. Die (Mit-) Schuld daran weisen sie jedoch alle von sich. Elisabeth sei eben zu sensibel gewesen und zu ungeduldig.

Ehemann Franz Josef und Sohn Rudolf sind sich einig, dass sie Elisabeths emotionale Verfassung, ihr Verhalten und Motivationen nachvollziehen konnten und im Grunde genommen ziemlich ähnlich gestrickt sind. Sie hätten sich gut verstehen können, wozu es aber letztendlich leider nicht kam.

Die düstere Stimmung spiegelte sich in der Urfassung des Musicals nicht nur im Text, dem dunklen Bühnenhintergrund und der mit einem starken Blaustich versehenen, mystischen Beleuchtung wider. Ein prägendes optisches Symbol der im Abgrund der Zeit versunkenen Habsburgerwelt waren die grünen Algenranken an allen Kostümen.

Das alles war zur Zeit der Uraufführung 1992 – als viele ZuseherInnen noch sehr stark an die Sissi-Filme gewöhnt waren, die regelmäßig im TV liefen – ein sehr krasser Gegenentwurf zu den in ganz Österreich allgegenwärtigen Habsburger-Tourismus-Klischees.

Die bevorstehende Jahrhundert- / Jahrtausendwende

Das geniale an der ersten Ensemble Nummer des Musicals ist, dass in wenigen Worten und Bildern etabliert wird, wie Elisabeths Leben nicht nur individuell beleuchtet werden soll, sondern vor allem im Kontext ihrer Zeit und der damaligen gesellschaftlichen Entwicklungen.

Nicht nur sie hatte das Gefühl, dass die Welt um sie herum gerade dabei war sich grundlegend zu verändern. Etwas Unheilvolles lag in der Luft. Elisabeth und ihre Zeitgenossen konnten sich dessen nicht erwehren und nicht alle konnten konstruktiv mit dieser Grundstimmung umgehen.

Uns ZuseherInnen dürfte klar sein was damit gemeint ist: Jahrhundertwende, 2 Weltkriege und das Ende der meisten Monarchien in Europa. Da wir Menschen immer geneigt sind mehr mit Individuen zu fühlen als mit der anonymen Masse, steht Elisabeths Leben durch genau die Darstellung auch symbolisch für die Schicksale jener Menschen welche im ausklingenden 19. Jahrhundert – dem sogennanten „Fin de Siècle“ – lebten.

Der Clou an der Sache ist, dass zum Zeitpunkt der Uraufführung von Elisabeth 1992 die Jahrtausendwende schon in Sichtweite war. Der Vergleich der damaligen Gegenwart mit dem Fin de Siècle wurde in vielen Büchern, TV-Beiträgen und Zeitungsartikeln thematisiert. Damit verbunden war eine allgemein schon etwas merkwürdige Stimmung.

Den 3. Weltkrieg oder Untergang Europas sah unter meinen damaligen Bezugspersonen niemand nahen. Dennoch hatte die Jahrtausendwende, bei aller Feierlaune und Freude auf die Zukunft, für uns auch irgendwie etwas Ungewisses. Und Ungewissheit führte oft dazu, dass wir uns über mögliche negative Konsequenzen der „Zeitenwende“ Gedanken machten. In sofern konnten wir uns damals sehr gut in die Stimmung der Menschen während der letzten Jahrhundertwende hinein versetzen.

Die Musicalversion der historischen Elisabeth steht für mich daher auch symbolisch für alle Menschen, die mitkriegen dass die Welt um sie herum irgendwie nicht mehr zusammen passt und sich ein allgemeiner Zukunfts-Pessimismus in der Gesellschaft breit macht. Damit umzugehen ist nicht leicht. Die diffuse Ungewissheit über die Zukunft kann schnell zu einem grundlegenden Lebensgefühl werden.

In wie weit die reale Elisabeth sich dessen bewußt war oder nicht, können wir nicht wissen. Als Hauptthema des Musicals finde ich den Zusammenhang aber nach wie vor sehr gelungen.

 

Alle:

Ein Schatten lag auf ihrer Seele,

auf ihrem Leben lag ein Fluch.

Alle tanzten mit dem Tod,

doch niemand wie Elisabeth!

 

Wien am Ende, Zeitenwende?

Ein Grund dafür, dass ich mich nach so langer Zeit noch immer von der düsteren Atmosphäre und dem Songtexte im Prolog des Musicals Elisabeth angesprochen fühle, ist das Herannahen einer weiteren Zeitenwende.

Heute, im Herbst des Jahres 2019, ist es keine Jahrhundert- oder gar Jahrtausendwende. Dennoch stehen in Österrreich, Europa und dem Rest der Welt grundlegende Entscheidungen und Veränderungen bevor. Wie begegnen wir dem fortschreitenden Klimawandel? Wie wollen wir in Zukunft unsere Wirtschaft gestalten? Wie gehen wir mit drohendem Rechtsruck und Populismus um?

Das Zitat „Wien am Ende, Zeitenwende“ stammt aus dem Text zur Powernummer „Der letzte Tanz“. In diesem Song treffen der Tod und Elisabeth einander zu einem imaginären Tanz auf ihrer Hochzeit mit Kaiser Franz Josef (heavy foreshadowing).

Passend zur habsburgerschen Untergangsstimmung ist eine gute Portion Zukunftspessimismus nach wie vor Teil der „Wiener Seele“. Daher fühle ich mich auch nach der Jahrtausendwende noch sehr oft and die oben zitierte Textzeile erinnert.

Tod und Verderben erwarte ich in unserer Gegenwart – auch nach der nächsten Nationalratswahl – zum Glück noch nicht. Im Musical rund um den beginnenden Untergang der Habsburgermonarchie sind Prolog und Verlauf der weiteren Handlung jedoch untrennbar mit dem Auftritt von „seiner Majestät“ dem Tod verbunden. Er betritt die Szene noch bevor wir die namensgebenden Protagonistin der Geschichte das erste Mal zu Gesicht bekommen.

Da Funktion und Darstellung des personifizierten Todes im Musical Elisabeth ein sehr umfassendes Themenfeld bilden, möchte ich mich im nächsten Blogartikel dieser Reihe näher damit beschäftigen.

Die von mir bisher publizierten Blogartikel zum Musical findet ihr hier

Elisabeth (1992) – Eine Musical Zeitreise

Elisabeth (1992) – Premiere live im Radio

Coming soon

Elisabeth (1992) – Was macht einen gelungen personifizierten Tod aus ( und was nicht) ?

Elisabeth (1992) – Die Kaiserin als Antiheldin

 

 

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