Don Camillo und Peppone – Musicalinszenierung im Wiener Ronacher, Mai 2017

Wer die alten, italienischen schwarz-weiß Filme der 1950er und 60er Jahre mit Fernandel als Don Camillo und Gino Cervi als Peppone  als Kind im Fernsehen gesehen hat, wird sich sicher an die eine oder andere Szene noch gut erinnern können. Das Musical der Vereinigten Bühnen (unter der Regie von Andreas Gergen und in Kooperation mit dem Theater St. Gallen) springt auf die allgemeine Nostalgiewelle auf und präsentiert uns ein Potpourri an eben diesen Szenen und Anspielungen auf die alte Filmserie, aufgepeppt mit schwungvoller Musik, etwas Herzschmerz und dem obligatorischen Happy End.

Nur ich, Don Camillo, weiß wie es geht !!

Handlungsrahmen

Don Camillo ist Pfarrer einer etwas herunter gekommenen Kirche in einem kleinen, italienischen Dorf der späten 1940er Jahre. Die Nazis und der Krieg sind zum Glück Vergangenheit. Das Dorf Boscaccio wird nun vom neuen Bürgermeister Giuseppe „Peppone“ Botazzi geleitet, welcher ein überzeugter Kommunist ist und eine ziemlich große Gruppe an Parteianhängern auf seiner Seite hat.

Nicht nur Don Camillo ist diese Machtübernahme der Kommunisten ein Dorn im Auge. Auch konservative, wohlhabende Bauern wie Großgrundbesitzer Filotti sind nicht sehr begeistert über die für sie höchst unangenehmen Entwicklungen, da die Genossen u.a. natürlich die Umverteilung des Vermögens und Abschaffung des Privateingetums fordern.

Don Camillos Markenzeichen ist, dass er als einziger anscheinend mit Jesus selbst kommunizieren kann, und zwar immer dann wenn er sich vor dem Altar in seiner Kirche befindet. Dieser hat es nicht immer leicht mit dem etwas selbstverliebten, aufbrausenden Pfarrer und muss ihn oftmals zur Vernunft bringen, wenn er es mit seiner Empörung über Peppones Verhalten und seinen oft sehr skurrilen Durchkreuzungsplänen wieder einmal übertreibt.

Als Filottis Tochter Gina sich in den armen Lohnarbeiter Mariolinio verliebt, der ebenfalls Mitglied von Peppones kommunistischer Gruppe ist, zieht das natürlich mehrere Konflikte nach sich, die sogar zu einen Generalstreik und der drohenden Verwüstung des ganzen Dorfes führen. Don Camillo und Peppone sehen sich dabei abwechselnd als Feinde oder Verbündete. Listig, manchmal auch brachial, aber im Großen und Ganzen mit viel Witz und Charme, schaffen die beiden es am Ende schließlich nicht nur die Dorfbewohner mit einander zu versöhnen, sondern auch eine Art Friedenspakt miteinander zu schließen.

Pro

Die Inszenierung im Wiener Ronacher kann vor allem mit einem wandlungsfähigen Bühnenbild (von Peter J. Davison), originellen Requisiten (wie z.B. die Tierpuppen von Stefan Fichert) und einer interessanten Erzählstruktur punkten.

Der Orchestergraben ist diesmal zu einem kleinen See umgebaut, in dem sogar echtes Wasser verwendet wird. Ebenso echt ist der Regen, der am Ende des ersten Aktes auf das Ensemble niederprasselt. Das Orchester selbst befindet sich direkt auf der Bühne, etwas weiter hinten auf einer erhöhten Brücke, über die sonst  nur die Erzählerin manchmal langsam auf die andere Seite hinüber wandelt.

Autor Michael Kunze (bekannt für zahlreiche Musicalschöpfungen wie Elisabeth und Mozart ) läßt die Geschichte damit beginnen, dass eine alte Dame (sehr überzeugend dargestellt von der um  vieles jüngeren Maya Hakvoort) über die Bühne trappelt und sich an die Geschehnisse vor 70 Jahren erinnert. Wir erfahren schließlich, dass es sich um die gealterte Version von Gina Filotti handelt. Ihre jüngere Version (Jaqueline Reinhold) ist herrlich süß, romantisch und etwas naiv. Ihr Auserwählter Mariolino (Kurosch Abbasi) ebenso.

Während des Verlaufs der Handlung sehen wir die alte Dame immer wieder kommentierend mitten im Geschehen. An einer Stelle gegen Ende wird sogar die 4. Mauer durchbrochen, welche die Handlug des Stückes in der Vergangenheit von unserer Gegenwart trennt. Diese kurze Szene in der die alte Gina ein paar Worte mit dem jungen Don Camillo wechselt, hat mir aufgrund ihrer Unerwartetheit sehr gut gefallen.

Bei den Requisiten sind vor allem die mit viel Liebe gestalteten und mit viel Geschick von den SchauspielerInnen bewegten Hunde- und Katzenfiguren. Sie kommen im Verlauf des Stückes mehrmals am Rande vor. Dabei erzählen aber soetwas wie eine eigene kleine Geschichte, da sie stets miteinander agieren, sich von anderen Figuren füttern und streicheln lassen und bei der einen oder anderen Begebenheit, wie z.B. Don Camillos einsamem Kreuzweg zur Osterweihe am Fluss, auch kurz mal mitten im Geschehen dabei sind.

Die beiden Hauptdarsteller Andreas Lichtenberger (Don Camillo) und Frank Winkels (Peppone) stellen ihre Figuren sehr forsch und zackig, aber doch sympathisch und vorbildgetreu dar, so dass der Nostalgie-Effekt durch die Assoziation des Gesehenen mit den alten schwar-weiß Filmen meiner Meinung nach sehr gut funktioniert.

Auch das restliche Ensemble verdient meine vollste Anerkennung, da die Szenenen in denen sie alle miteinander singen und darstellen vollkommen stimmig und sehr unterhaltsam rüber kommen. Die Choreographie der Tanzszenen kam mir auf eine angenehme, ebenfalls nostalgische Art bekannt vor, da sie unverkennbare Bewegungsmuster enthält die sofort ohne ins Programmheft zu sehen auf den Choreographen Dennis Callahan hinwiesen, welcher schon bei vielen Produktionen der Vereinigten Bühnen, wie Elisabeth, Grease oder The Rocky Horror Show mitgewirkt hatte.

Was wir in diesem Stück musikalisch vorfinden, ist ein typischer Musical – Score, der sich nur manchmal ein ganz klein wenig an den Keyboard – Sound der 1980er Jahre anlehnt, ein paar romantische Schnulzen enthält und bei den Ensembleszenen durchaus auch mal rockig oder hymnisch werden darf. Die Stimmen der DarstellerInnen sind allesamt als Musicalstimmen erkennbar, aber von den Haupt- über die NebendarstellerInnen bis zu den Ensemblemitgliedern und Swings sind mir eigentlich alle als stimmlich sehr gut und perfekt aufeinander abgestimmt in Erinnerung geblieben.

Contra

Natürlich muss die Adaptierung einer so bekannten und einprägsamen Filmfigur wie die des von Fernandel großartig und auf einzigartige Weise dargestellten schwarz-weiß Camillo auf einer Musicalbühne einige Abstriche machen was die Identifizierung der Filmrolle mit dem Schauspieler angeht. Für viele ZuseherInnen ist der alte Don Camillo der einzig wahre Don Camillo. Das verstehe ich auch. Und es darf von mir aus auch so gesehen werden. Auch Gino Cervis Darstellung des bauernschlauen aber auch irgendwie sehr naiven und oft aufbrausenden Peppone wird man nie 1:1 auf die Musicalbühne übertragen können.

Ein Grund warum es manchen TheaterbesucherInnen schwer fallen könnte das Stück nicht als Konkurrenz, sondern als unterhaltsame Parallelinszenierung zum Film zu sehen, könnte auf den Alters- und Größenunterschied der Musicalhauptdarsteller zu ihren Filmpendants zurückzuführen sein. Obwohl Don Camillo als auch Peppone natürlich mittels Kostümen und Maske auf möglichst gut wahrnehmbare optische Ähnlichkeit getrimmt sind, waren Fernandel und Cervi sowohl etwas kleiner und kompakter als auch etwas älter als sie ihre ikonischen Rollen inne hatten.

Manche ZuseherInnen könnte auch die Tatsache irritieren, dass aus der Handlung eines alten schwarz-weiß Films ein modernes, buntes Musical gemacht wurde. Dass Charaktere in Musicals ihre Emotionen oft etwas theatralisch über Songtexte und Melodien ausdrücken statt einfach zu sagen was Sache ist, liegt aber in der Natur dieses Genres und sollte eigentlich kein Grund sein dieses Musical im Spzeiellen schlecht zu finden. Ist es aber für einige offensichtlich doch…

Musikalisch und Songtexterisch kann ich mich der Meinung mancher Kritiker, wie z.B. Barbara Petsch in ihrem Presse – Artikel, überhaupt nicht anschließen. Natürlich sind Musicalsongs manchmal schnulzig und erinnern an Schlagermusik, besonders wenn das Libretto von Michel Kunze stammt,  einem Schlagertexter der in den 70er Jahren mit Fly Robin Fly seinen Durchbruch hatte. Dass Komponist Dario Farina „kein Enio Morricone oder Nino Rota“ ist, sehe ich auch nicht wirklich negativ, denn keiner der beiden anderen Komponisten hat je ein Musical geschrieben. Ehrlich gesagt höre ich in einem Musical, in dem es um die Feinheiten der Auslegung dessen geht was gut oder böse oder irgendwo dazwischen ist, nicht unbedingt Lieder á la Felicità heraus, nur weil der Komponist das irgendwann mal geschrieben hatte und die Geschichte zufällig auch  in Italien spielt !

Fazit

Don Camillo und Peppone ist eine unterhaltsame, originelle Adaption der Geschichte rund um die beiden gegensätzlichen und doch so gleichen Titelfiguren. Natürlich darf man sich hier keine tiefgreifenden philosophischen oder religiös-moralischen Abhandlungen und große Oper erwarten. Ich fand, dass die Musicalinszenierung ihrem Filmvorbild durchaus sehr respektvoll nahe kommt ohne sich in irgend einer Weise als Konkurrenz dazu positionieren zu wollen.

Ich freute mich, wieder einmal ein Kollaborationswerk bekannter Musicalmenschen wie Michael Kunze, Denis Callahan und Maya Hakvoort zu erleben. Diese haben, zusammen mit andern Akteuren die in dieser Produktion nicht dabei waren,  die Wiener Musicalszene der letzten 20 Jahre auf ihre ganz persönlichen Weisen sehr stark mitgeprägt und beeinflusst und auch hier wieder durchaus meinen Geschmack getroffen.

Daher vergebe ich für diese Inszenierung 4 von 5 Krokis, welche sich untereinander in die Haare kriegen wer jetzt wohl dafür verantwortlich ist dass es keine 5 von 5 Krokis geworden sind.

cropped-kroki.jpg   cropped-kroki.jpg  cropped-kroki.jpg  cropped-kroki.jpg     4 / 5

Habt ihr dieses Musical schon gesehen ? Wie hat es euch gefallen ?

Top oder Flop ?

Eure Infos, Fragen und Antworten könnt ihr wie immer in den Kommentaren posten.

Über Rückmeldung freue ich mich immer !

 

 

 

 

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