Stonehearst Asylum (2014) – Wer über gewissen Dingen den Verstand nicht verliert, hat keinen zu verlieren

We’re all mad here, Dr. Newgate. Some are simply not mad enough to admit it.

Diesen Film unter der Regie von Brad Anderson (u.a. bekannt geworden durch The Machinist und Transsiberian) sah ich vor einiger Zeit zufällig im Kabelfernsehen. Zuvor hatte ich wirklich noch nie etwas davon gehört, was oftmals ein eher nicht so gutes Qualitätszeichen ist. In diesem Fall war es aber gut so, denn die Geschichte entfaltet ihre volle Wirkung nur dann, wenn man sich einfach mal darauf einlässt, so wenig wie möglich zu wissen worauf alles hinauslaufen wird, und versucht, die Zusammenhänge so lange wie möglich analog zum Geschehen erst langsam zu ergründen.

Vorsicht milde Spoiler !

Ich werde versuchen nicht alles im Detail zu verraten. Dennoch kann über die behandelten Themen und Implikationen nicht philosophiert werden, ohne über die Handlungsentwicklung zu sprechen. Daher bitte nur weiter lesen, wenn ihr den Film schon kennt oder euch zumindest bewusst ist, dass hier ein paar wichtige Storyelemente verraten werden müssen.

Handlungsrahmen

Wir befinden uns in England gegen Ende des 19. Jahrhunderts, also zu einer Zeit in der die Psychiatrie als Wissenschaft gerade entwickelt aber noch keineswegs immer human bzw. auf das Wohl der Patienten ausgerichtet praktiziert wurde. Damit wir uns dessen bewusst sind, sehen wir erstmal eine gruselige Szene, in der eine sehr hübsche aber offensichtlich geisteskranke Patientin in einer Lehrveranstaltung an der Universität Oxford jungen Studenten vorgeführt wird.

Als nächstes lernen wir, nach einem eher abrupten Szenenwechsel, den jungen Arzt Edward Newgate (Jim Sturgess) kennen, der sich auf dem Weg zu einer psychiatrischen Anstalt namens Stoneherast offenbar im Wald verirrt hat. Er begegnet einer einheimischen Familie, die ihn mit ihrem Pferdegespann mitnimmt und schließlich vor dem durch hohe Mauern abgeschotteten Anwesen absetzt. Wir erfahren, dass Edward sein Studium der Psychiatrie gerade abgeschlossen hat und nun seine erste wirklich praktische Erfahrung als behandelnder Arzt in eben dieser Einrichtung sammeln möchte.

In Stonehearst angekommen, wundert er sich sehr über die für die damalige Zeit doch recht eigenartige Atmosphäre. Oberarzt Dr. Silas Lamb (Ben Kingsley) hat offenbar eine ganz eigene Methode entwickelt, um mit den teilweis ziemlich abgefahrenen Patienten in einer Form umzugehen, in der sie nicht, wie zu dieser Zeit üblich, als kuriose Studienobjekte dienen, sondern friedlich und respektvoll miteinander in einer großen Community zu leben scheinen.

Von Anfang an scheint an der ganzen Einrichtung, die oberflächlich gesehen super fortschrittlich ist und toll funktioniert, aber etwas ganz fundamentales nicht zu stimmen. Doch Edward lässt sich schnell durch die Begegnung mit einer super hübschen und intelligenten Patientin Eliza Graves (Kate Beckinsale) davon ablenken.

Obwohl Edward skeptisch ist, ob hier wirklich alles mit rechten Dingen zugeht, überwiegt die Neugier auf die doch sehr ungewöhnliche Situation. Je länger er aber in Stonehearst verweilt, desdo gefährlicher wird es für ihn. Doktor Lambs rechte Hand, ein Mann der sich Mickey Finn nennt, (hervorragend unsympathisch dargestellt von David Thewlis) versucht ihn sehr offensichtlich zu vergiften. Und als Edward dann noch eines Nachts im Keller ein paar eingesperrte Menschen findet, unter denen ein Mann namens Benjamin Salt (Michael Caine) weilt, der behauptet der eigentliche Oberarzt der Klinik zu sein, wird die Sache endgültig zum viktorianischen Mystery-Thriller.

Pro

Das Setting der Geschichte ist von Anfang an subtil gruselig und spiegelt sehr gut die Atmosphäre viktorianischer Schauerromane wider. Dabei wird auf diverse Klischees wie einsame Wälder im Nebel, große dunkle Herrenhäuser und mysteriöse Kellergewölbe angespielt, aber auch auf typische Gruselromanfiguren, die sich nach etlichen Plot Twists am Ende dann doch in einem ganz anderen Licht zeigen als es zu Beginn der Geschichte den oberflächlichen Anschein hatte.

Einer dieser Plot Twists wird bereits zu Beginn der Geschichte etabliert und von Kennern des Gothic Horror Genres wahrscheinlich auch schon an diesem Punkt erraten. Grusel und Spannung werden aber den ganzen Film lang so gut aufgebaut und auch erhalten, dass es auch trotz der Erkenntnis zu Beginn noch sehenswert ist der Geschichte bis zu ihrem teils sehr gruseligen, aber auch augenzwinkernden Happy End zu folgen.

Thematisch geht es in Stonehearst Asylum vor allem um das Spiel mit unseren Vorurteilen und Erwartungen in Bezug auf das, was wir alle mehr oder weniger unbewusst und  oft viel zu schnell und unreflektiert als psychisch krank, irrsinnig oder abnormal bezeichnen. Vor allem dann, wenn wir in eine Situation geraten, die uns dazu zwingt zu hinterfragen wo denn eigentlich die Grenze zwischen den Dingen liegt, die wir als normal oder abnormal bezeichnen. Es geht um die unklaren Grenzen zwischen Gut und Böse und darum ob die Medizin als Wissenschaft sich wirklich ein klares Urteil darüber erlauben darf, wer in unserer Gesellschaft integriert sein darf und ein sogenanntes lebenswertes Leben führt, und wem dies aus angeblich gesundheitlichen Gründen ein Leben lang verwehrt werden darf.

Sind die sogenannten Irren wirklich irre, oder ist es in Wirklichkeit die Gesellschaft, die sie irre macht ? Wer definiert eigentlich welche Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft als normal angesehen werden und welche nicht ? Sind alle in der Gesellschaft etablierten und hoch angesehenen Menschen, wie z.B. Ärzte, automatisch normal und gut ? Oder gibt es da durchaus auch Grauzonen, in denen jemand sowohl das eine als auch das andere sein kann ?

Die Thematik wird einerseits durch das sehr stimmige Gruselsetting sehr gut unterstrichen, andererseits aber auch durch die durchwegs sehr soliden schauspielerischen Leistungen. Am genialsten ist dabei wieder einmal der großartige Ben Kingsley, der als mysteriöser Anführer der Bewohner von Stonehearst herrlich intelligent und wortgewandt, aber  zugleich auch vollkommen irre und gefährlich rüber kommt. Aber auch der mir bisher eher unbekannte Jim Sturgess als junger Arzt Edwart Newgate überzeugt in seiner Funktion als Identifizierungsperson für uns Zuseher, durch dessen Augen wir die Szenerie erkunden und die Geheimnisse der uns gezeigten skurrilen Welt von Stonehearst aufdecken. Eine lobende Erwähnung gebührt an dieser Stelle auch dem immer noch sehenswerten Sir Michael Caine, der in dieser Geschichte ausnahmsweise auch mal so richtig böse und gruselig sein darf, um am Ende dann aufgrund der Entwicklung seines Handlungsbogens dann doch wieder tragisches Mitgefühl beim Zuseher zu erwecken.

Contra

Wie schon erwähnt, wird einer der großen Plot Twists schon zu Beginn des Films so heftig angedeutet, dass sogar ich als Gelegenheitszuseherin schon ab diesem Zeitpunkt voraussagen konnte, was am Ende dabei heraus kommen werde. Nein, es ist nicht der Twist in dem klar wird, dass sämtliche Ärzte und Pfleger im Keller sitzen, während die irren Patienten das Haus übernomen haben, sondern ein ganz anderer, der  allen aufmerksamen LeserInnen dieses Artikels auch in meiner Handlungsbeschreibung auffallen sollte.

So ziemlich keine der Hauptfiguren geht am Ende genau so aus der Geschichte hervor, wie sie uns eingangs vorgestellt wird. Jede/r von ihnen befindet sich in mindestens einer Grauzone. Als Zuseher wechseln wir ihnen gegenüber ständig zwischen Faszination und Antipathie. In dieser Hinsicht ist die Storyentwicklung leider auch etwas vorhersehbarer als es für das Verständnis der Handlung notwendig wäre. Mir hat das zwar im Gesamten nicht ganz so viel ausgemacht, da ich die Erzählweise trotzdem sehr spannend und unterhaltsam fand. Für den längerfristigen Unterhaltungswert, der den ZuseherInnen auch nach wiederholter Sichtung des Films noch erhalten werden sollte, wäre es aber doch besser gewesen einige Figuren einzubauen, die von Anfang an sie selbst sind, das auch bleiben und sich nicht verstellen. Dann wäre es auch für sehr pingelige Genrekenner etwas schwieriger gewesen, die Plot Twists schon 10 km gegen den Wind zu riechen bevor sie dann wirklich eintreten.

Fazit

Ich bin zwar eigentlich nicht so der Fan von Gothic Fiction, aber im Fall von Stonehearst Asylum hat es mir doch sehr viel Spaß gemacht wie atmosphärisch der typische Genrestoff hier inhaltlich verarbeitet und optisch schön gruselig aufbereitet wurde, ohne in die Trashigkeit oder verklärte Pseudoromanze abzudriften.

An einer Stelle gegen Ende wurde es mir mit der Horrorseite etwas heftig, da u.a. jemand mit Elektroschock getötet wurde, was für mich persönlich schon nicht mehr Grusel sondern schon Horror darstellt, den ich in der Intensität nicht erwartet hatte. Für diese Grauslichkeit und das etwas zu viel an Plot Twist  gibt es je einen Punkt Abzug.

Die hervorragenden Leistungen der Schauspieler, allen voran Ben Kingsley und Jim Sturgess, verdienen aber durchaus sehr tiefsinnige 3 von 5 Krokis. Wobei eines davon in Wirklichkeit ein irrer Dinosaurier ist, der sich als kleines, süßes Plastikkrokodil ausgibt, um genau dann zubeißen zu können, wenn es absolut keiner mehr erwartet.

 

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Habt ihr diesen Film schon gesehen ? Wie hat euch das Plot Twist Ende gefallen ? Top oder Flop?

Eure Infos, Fragen und Antworten könnt ihr wie immer in den Kommentaren posten. Über Rückmeldung freue ich mich immer.

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