Westworld S02 : Folgen 1 bis 8 – Chaostheorie, schizophrene Androiden und viele Fragezeichen

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  1. Was zum Robo-Geier geht denn da ab?

(Vorsicht Spoiler)

Ich entschuldige mich gleich vorab dafür, dass ich die 2. Staffel dieser Serie nicht in Einzelfolgen kommentieren kann. Einerseits fehlt mir dazu neben Job und Alltagsleben leider die Zeit, andererseits machten mich diverse Storylines nach Sichtung einzelner Episoden ziemlich irre, so dass erstmal etwas Online-Recherche notwendig war, um mich über diverse Deutungsmöglichkeiten und Theorien zu den gesehenen Inhalten schlau zu machen. Auch mit diesem zsätzlichen theoretischen Hintergrund fällt es mir nach 8 von 10 Folgen aber noch immer schwer zu beurteilen, ob das alles nun total genial oder über alle Ziele hinaus geschossen und  vollkommen daneben ist.

Um meine Gedanken und die komplexen Geschehnisse halbwegs geordnet zusammen zu fassen, versuche ich mal einer ähnlichen Struktur wie in meinen Episodenkommentaren zur  1. Staffel zu folgen:

 

Westworld –  der Park selbst und allgemeine Plotentwicklung

 

Chaostheorie im Stil von Michael Chrichton

Wie schon am Ende der 1. Staffel (und vor allem durch Kenntnis des Kinofilms aus dem Jahr 1973) absehbar, geht es in der 2. Staffel nicht mehr nur darum, die Mechanismen und Hintergründe eines funktionierenden Wildwest – Themenparks zu zeigen. Durch das von Dolores (Evan Rachel Wood) angerichtete Massaker und den Tod von Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) herrscht perfektes Chaos. Die Struktur der Geschichte erinnert an so ziemlich jede mir bekannte Storyline aus der Feder Michael Chrichtons, was ich als Hommage an den geistigen Schöpfer von Westworld anerkenne.

Seitdem ich irgendwann Ende der 1990er seinen Roman Jurassic Park gelesen habe, sehe ich jedes Mal, wenn ich eine typische Michael Crichton Geschichte lese oder deren verfilmte Fassung verfolge, die Illustrationen am Beginn jedes einzelnen Kapitels aus Jurassic Park vor mir. Am Beginn herrscht, in der Illustration wie auch in der Handlung des Romans, vermeintlich perfekte Ordnung. Mit jedem weiteren Kapitel wird immer mehr Chaos sichtbar. Die vermeintlich kontrollierbare Ordnung zerfällt zuerst langsam, dann immer schneller und wilder, bis am Ende kein Stein mehr auf dem anderen bleibt.

Nachdem am Höhepunkt der Erzählumg das maximale Chaos erreicht ist, beginnen sich einzelne kleine Elemente langsam selbst zu ordnen, bis am Ende dann wieder so etwas wie Kontrolle herrscht. Nur mit dem Unterschied, dass wir alle daraus gelernt haben, dass es keine dauerhafte, ultimative Kontrolle geben kann und der ganze Kreislauf spätestens in der Fortsetzung der Geschichte (Film oder Buch) erneut von vorne beginnt.

Dem entsprechend haben also auch die beiden Masterminds der Serienverfilmung, Jonathan Nolan und Lisa Joy, gemensam mit einem großen und kreativen Autorenteam ihre grundlegenden Handlungsbögen für Westworld an die Michael-Crichton-Formel angepasst. Aus der Ordnung am Beginn der 1. Staffel entwickelte sich das Chaos bis zum fulminanten Höhepunkt am Ende der letzten Folge The Bicameral Mind. In der 2. Staffel dürfen wir nun miterleben wie einerseits das erzählerische  Chaos zunimmt und sich andererseits einige Elemente, scheinbar zuzufällig aber dann doch eingebettet in einen  absolut kryptisch angedeuteten Gesamtplan, neu ordnen.

Verschiedene Zeitlinien und Erzählperspektiven

Ein interessantes Zusatzfeature zur altbekannten Chaos-Formel ist der Kunstgriff die Handlung auch weiterhin nicht linear zu erzählen, sondern ständig zwischen verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven zu wechseln. Diese Erzählweise sorgte für große Überraschung in der 1. Staffel, da lange Zeit nicht ganz klar war ob William (Jimmi Simpson) und der Man in Black (Ed Harris) wirklich ein und dieselbe Person in unterschiedlichen Lebensphasen darstellen oder doch nicht.

Man könnte meinen, dass ein solches Konstrukt durch Wiederholung in Staffel 2 langweilig werden könnte. Um dem entgegen zu wirken, drehen die Autoren dieses Ventil noch ein bisschen mehr auf und präsentieren uns mindestens 4 oder sogar mehr verschiedene Zeitebenen, welche von der Gründerzeit des Parks durch Ford und Arnold über diverse Alterungsstufen von William inklusive Übergang von Jimmi Simpson zu Ed Harris bis hin zur Zukunftsvision des von Hosts offenbar durch eine Art Mord oder Selbstmord verlassenen Parks reichen. Das alles wird natürlich auch möglichst chaotisch, indem wir am Beginn der ersten Folge gleich Mal mit dem Endszenario einsteigen und uns 10 Folgen lang fragen wie zum Geier es denn bitte dazu kommen soll.

Um das Ganze noch chaotischer zu machen, wechseln wir aber nicht nur gefühlte 5x pro Folge die Zeitebenen, sondern wir bekommen auch jede Folge aus der Sicht eines anderen Hauptcharakters präsentiert. So alternieren wir von Folge zu Folge munter zwischen verschiedenen, auf ihre eigene Perspektive limitierten Bezugspersonen wie Bernard, (Jeffrey Wright) Dolores (Evan Rachel Wood), William / Man in Black  (Jimmi Simpson / Ed Harris) und in einer Folge überraschender Weise auch ein bisher nicht so bekannter Charakter namens Akecheta vom Stamm der sogenanten Ghost Nation (genial dargestellt von Zahn McClarnon).

Zwei neue Welten für die Sammlung

Shogunworld wurde ja schon am Ende der 1. Staffel angedeutet. In der 5. Folge der 2. Staffel Akane No Mai geht es dort ganz schön zur Sache und wir lernen mit Akane (Rinko Kikuchi, bekannt aus dem Monster-gegen-Riesenroboter-Film Pacific Rim) und Musashi (Hiroyuki Sanada) zwei sehr interessante neue Charaktere kennen, die aber leider zu Beginn der darauf folgenden Episode schon wieder zurück bleiben und nicht mit Maeve und ihrer Truppe nach Westworld oder gar eine Welt außerhalb der Parks flüchten wollen.

Noch kürzer aber ebenso eindrucksvoll erleben wir zu Beginn der 3. Folge Virtú e Fortuna eine weitere Themenparkwelt namens Rajworld, die mit entspanntem Nachmittagstee, Elefanten, Tigern und einer genial orientalisch-indisch klingenden Version des Songs Seven Nation Army (von den White Stripes ) aufwartet.

Charakterentwicklung – Hosts und Menschen

Dolores und Teddy

Ach, Dolores (Evan Rachel Wood). Was haben dir die Autoren in dieser Staffel alles angetan. In der 1. Staffel warst du die von fast  allen geliebte Hauptfigur. Jetzt bist du nur mehr als terminatormäßiger Superbösling „Wyatt-lores“ oder „Do-Wyatt“ unterwegs und willst einfach alle platt machen die dir nicht mehr zu Gesicht stehen. Sogar dein sanftmütiger Fels in der Brandung und loyaler Gefährte  Teddy (James Marsden) wird auf dein Geheiß hin zur Killermaschine umfunktioniert. Offensichtlich bist du die blonde Erbin des Glatzköpfigen Berserkers (Yul Brynner) aus dem 1970er Kinofilm. Wenigstens sprichst du noch zu uns, statt eisig vor dich hin zu starten wie dein Vorgänger.

Wie habe ich mich mit dir gefreut, als es am Ende der 1.Staffel so schien als hättest du es geschafft ein eigenständiges Bewußtsein zu entwickeln. Jetzt aber frage ich mich, ob du nicht doch irgendwie auf Autopilot unterwegs bist und dir nur einbildest unabhängig von Fords Programmierung zu sein. Ich kann gar nicht sagen ob es mich mehr nervt als fadisiert oder umgekehrt. Wohin soll das nur alles hinführen?

William / Man in Black und seine desolaten Familienverhältnisse

Im Zuge der Schilderung verschiedener Erzählperspektiven hatte ich ja schon erwähnt, dass eine der Schlüsselsequenzen uns den direkten Übergang von Jimmi Simpson, dem jungen William, zu Ed Harris, dem alten und noch immer herrlich griesgrämigen Man in Black zeigt. Für mich ist die Folge in der das passiert eines der Highlights dieser Staffel. Wir erfahren darin nämlich auch einiges über die eigentliche Hintergrundstrategie, welche die Firma Delos mit dem Betrieb des Themenparks Westworld in Wahrheit verfolgt. Fest damit verbunden ist das eher traurige Schicksal von Williams Schwiegervater James Delos (Peter Mullan), dessen Geist nach seinem Ableben in einen Hostkörper transferiert wurde, was aber leider trotz mehrmaliger Verbesserungsversuche langfristig nicht sehr gut funktionierte.

Auch seinem Sohn Logan (Ben Barnes) ergeht es in der 2.Staffel überhaupt nicht gut. Häppchenweise erfahren wir, dass er nach den Erlebnissen aus Staffel 1. erhebliche körperliche und geistige Schäden davon trug, ziemlich depressiv wurde, Drogen kinsumierte und offenbar daran verstarb. Wie es aussieht, werden wir also eher keinen im Ed Harris Alter befindlichen Logan zu Gesicht bekommen. Wobei ich in dieser Serie nichts endgültig ausschließen würde. Es ist ja nicht Mal ganz sicher ob Logan und / oder William in Wirklichkeit selber Hosts sind, was an manchen Stellen angedeutet wird, in anderen Situationen aber wiederum weniger Sinn machen würde.

Ungeklärt bleibt auch die Frage ob Williams Ehefrau sich wirklich selbst umgebracht hat oder er dich mehr an ihrem Ableben beteiligt war als er zugibt oder sich gar selber nicht mehr daran erinnern kann. Etwa weil er selber ein im Körper eines Hosts gefangener menschlicher Geist ist ? Hm…….

Damit nicht genug lernen wir auch Williams inzwischen erwachsen gewordeneTochter Emily (Katja Herbers) kennen, die auf der IMDB als Grace angeführt wird, was ich persönlch noch nicht ganz verstanden habe und auch für erhebliche Verwirrung und Spekulationen unter den Fans der Serie sorgt. Natürlich ist auch bei ihr nicht ganz klar ob sie ein „normaler“ Mensch ist oder ein Host oder ein menschlicher Geist transferiert in einen Host Körper. Sicher ist jedenfalls, dass sie eine auf Gegenseitigkeit beruhende Hassliebe zu ihrem (angeblichen) Vater verbindet.

Bernard / Arnold,  Ford und Hale

Die komplexeste Story und Charakterentwicklung, bei der ich an einigen Punkten zeitweise geistig aussteigen und mir Erklärungsvideos auf YouTube zur Unterstützung ansehen musste,  macht diesmal Bernard (Jeffrey Wright) durch.

Mit ihm erleben wir die wirrsten Zeitebenen-Erzählsprünge, da er aufgrund einer nicht ganz einwandfrei erklärten geistig-körperlichen Entwicklung zwischen verschiedensten Erinnerungsfetzen schwankt und sich an einigen Punkten selbst nicht mehr auskennt ob das was er eben gesehen hat in der Vergangenheit passierte oder in der Gegenwart. Die sich daraus ergebenden Handlungsstränge sind eigentlich sehr interessant, aber streckenweise echt anstrengend zu verfolgen.

Es wird vor allem dann so richtig schräg, wenn auch noch die seltsam matrixartige Cradle (ein Raum mit der Aufschrift CR4-DL) ins Spiel kommt. Darin befindet sich eine Art Zentralserver für die Speicherung von Backups aller Hostbewußtsein, wobei ich noch immer nicht ganz verstanden habe wie das genau funktionieren soll. Jedenfalls gabelt Bernard bei seinem Abstecher in die Cyberrealität das dort ebenfalls gespeicherte Bewußtsein des verstorbenen Dr. Ford (Anthony Hopkins) auf, dessen kryptisch aber mit viel schönen theatralischen Monologen vermittelte Pläne mir ebenso wenig klar sind wie die Funktionsweise der Cradle.

Streckenweise ist Bernard gemeinsam mit Charlotte Hale (Tessa Thompson) unterwegs, die das Massaker am Ende von Staffel 1 unbeschadet überlebte und weiterhin ihre eigenen undurchsichtigen Pläne verfolgt, die sich um die Beschaffung riesiger Datenmengen und deren Transport als Schmuggelware im Hostgehirn von Dolores Vater Peter Abernathe (Louis Herthum) drehen.

Elsie und Stubbs – sie leben noch

In einer anderen Zeitebene ist Bernard mit Elsie Hughes (Shannon Woodward) unterwegs, die offenbar doch noch lebt und von ihm in einer Höhle gefunden wird in der Dolores Gefolgsleute sie festgehalten hatten. Oder ist es doch nur eine Hostkopie?

Weitaus weniger spekulationsbehaftet ist die Wiederkehr des Sicherheitsbeauftragten Ashley Stubbs (Luke Hemsworth), der zwar immer noch charmant und nett anzusehen ist, aber nichts wirklich Großartiges zur allgemeinen Handlungsentwicklung beitragen darf. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass er nur deshalb noch dabei ist, weil er einen bekannten Nachnamen trägt und entfernte optische Ähnlichkeit zu seinen  Brüdern Chris und Liam Hemsworth besteht.

Maeve, Sizemore, Shogunworld und die Ghost Nation

Im Gegensatz zu Dolores, die ich in der 1.Staffel sehr mochte aber in der 2. unglaublich schlecht weiterentwickelt fand, darf Maeve (Thandie Newton) sich auch in der Fortsetzung ihrer Lebensgeschichte so richtig cool, spannend und emotional berührend zeigen.

Mit ihr machen wir nicht nur einen Abstecher in die Shogunworld, sondern auch an jene entlegene Ecke von Westworld in der sie ihre Tochter wieder findet. Der arrogante Autor Lee Sizemore (Simon Quarterman), aus dessen Feder viele der in die Hosts programmierten Lebensgeschichten stammen, wird zu ihrem unabsichtlichen aber dann doch sehr passenden Sidekick, der ihr gegenüber anfangs noch ziemlich sarkastisch und trotzig agiert, sich am Ende aber sogar eine Träne rausdrückt als sie angeschossen und schwer verletzt in die Hände von Charlotte Hale und den Delos Technikern fällt, die ihre neu erworbene Fähigkeit, sich in die Cr4dl einzuhacken und die Gedanken anderer Hosts zu manipulieren, natürlich unterbinden wollen.

Super spannend ist der Cliffhanger am Ende der 8. Folge Kiksuya, als sich herausstellt, dass Akecheta (Zahn McClamon) vom Stamm der Ghost Nation und Maeve nicht nur die einzigen wirklich zu wahrem, selbständigem Denken und  Bewußtsein erwachten Hosts zu sein scheinen, sondern auch die ganze Folge lang telepathisch miteinander kommunizieren, während wir Zuseher die ganze Zeit glauben, dass Akecheta mit Maeves Tochter spricht und ihr seine Lebensgeschichte erzählt. Was in den 2 Folgen danach noch kommen wird, erwarte ich bereits mit Spannung und freue mich darauf, es nach Ende der 2. Staffel noch gesondert zu kommentieren.

 

Fazit

Obwohl die Storylines der auf mehreren Zeitebenen durch unterschiedliche Blickwinkel erzählten Episoden mir an einigen Stellen schon etwas zu verworren und mit kryptischen Symbolen überladen erscheinen, der Charakter Dolores bis zur Unkenntlichkeit verändert wurde und das ganze Serienprojekt zunehmend abgehobener wird als es gut ist (was sich im Übrigen auch in den nachweislich schwindenden Zuseherzahlen widerspiegelt), fühle ich mich im Großen und Ganzen noch immer recht gut unterhalten.

Da zumindest die bisher gezeigten 8 Folgen trotz bombatischem Aufwand nicht ganz an die Faszination der 1. Staffel heran reichen, vergebe ich für die 2. Staffel von Westworld (2018) 3 von 5 Krokis, von denen eines ein menschlicher Geist in einem Krokikörper ist, der zweite schizophren und der dritte ein virtuelles Backup in der Cradle.

 

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Wie hat euch die 2. Staffel von Westworld bisher gefallen ? Top oder Flop ?

Eure Infos, Fragen und Antworten könnt ihr wie immer in den Kommentaren posten. Über Rückmeldung freue ich mich immer !

 

 

 

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